2. Ehrlich sein

1 Alles hat seine bestimmte Stunde, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: 2 Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit, und das Gepflanzte ausreißen hat seine Zeit; 3 Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit; Zerstören hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit; 4 Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit; — Prediger 3,1-4

1 Dem Vorsänger. Ein Psalm Davids. 2 Wie lange, o HERR, willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? 3 Wie lange soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen tragen Tag für Tag? Wie lange soll mein Feind sich über mich erheben? 4 Schau her und erhöre mich, o HERR, mein Gott! Erleuchte meine Augen, dass ich nicht in den Todesschlaf versinke, 5 dass mein Feind nicht sagen kann: »Ich habe ihn überwältigt«, und meine Widersacher nicht frohlocken, weil ich wanke! 6 Ich aber vertraue auf deine Gnade; mein Herz soll frohlocken in deinem Heil. Ich will dem HERRN singen, weil er mir wohlgetan hat! — Psalm 113

In unserer Welt wird Klage nicht gerne gesehen. Du musst stark sein. Zeigst du Schwäche bist du bei den anderen unten durch. Überhaupt, ein Christ muss doch immer fröhlich sein. Und heißt es nicht in der Bibel „Die Freude am Herrn ist eure Stärke?“? Dass wir nicht klagen dürfen, ist eine große Lüge unserer Gesellschaft.
In der Bibel klagen viele bekannte Persönlichkeiten. In Psalm 13 klagt David vor Gott. Dieser Psalm ist alles andere als schön und Lobpreis für Gott. David klagt Gott an und macht ihn für seine Not verantwortlich. Er stellt Gott sogar zur Rede. Wir würden wahrscheinlich niemals zu einem König gehen und ihm so provokante Fragen stellen. Doch David will von Gott wissen, wie lange er diese Not noch ertragen muss. Er wirft Gott vor, dass dieser ihn vergessen und sich abgewendet hat. Gleichzeitig ist David hier unglaublich ehrlich vor Gott. Er bringt das Innerste seiner Seele nach außen und präsentiert Gott, was in ihm vor sich geht. In diesem Punkt wird deutlich: Wenn wir vor Gott klagen, dann sind wir ehrlich, wie in keiner anderen Weise. David könnte auch Loblieder singen und Gott für das Danken, was er noch Gutes in seinem Leben hat. Aber dieses Lob und dieser Dank wären in keiner Weise so ehrlich, wie die Klage, die David hier bringt. Man kann eine Entwicklung in diesem Psalm erkennen. In den ersten Versen bringt David seine Klage und seinen Frust ungefiltert vor Gott. Nachdem der erste Druck abgeladen ist, kommt er von der anklagenden Haltung in eine bittende Haltung. Er bittet Gott um Eingreifen und um Hilfe. Das zeigt, dass David die Hoffnung auf Gott noch nicht verloren hat und der festen Überzeugung ist, dass nur dieser ihn aus dieser Situation befreien kann. Klage ist also auch ein Beweis von Vertrauen Gott gegenüber. Denn man hofft immer noch auf sein Eingreifen. Wären wir Gott gegenüber ohne Hoffnung, würden wir ihm nicht zutrauen, dass er uns helfen könnte, dann wären wir vielleicht wütend. Doch wir hätten nicht das Bedürfnis, zu ihm um Hilfe zu schreien und ihm das vorzuwerfen. Im letzten Abschnitt des Psalms fasst David wieder neuen Mut und betont, dass er sich auf Gott verlässt. Zum einen kennen wir vermutlich alle, dass es uns schon besser geht, wenn wir einmal den ganzen Ärger und Druck rausgelassen haben. Manche Probleme erscheinen dann manchmal sogar bereits kleiner. Zum anderen versucht David hier neuen Mut zu fassen. Er hält an seinem Glauben und seiner Hoffnung auf Gottes Eingreifen fest. Dieser Entschluss zur Hoffnung, lässt ihn aufstehen und diese Zeilen beten. Auch hier zeigt sich, dass Klage den Menschen in der Not näher zu Gott bringt. Wir dürfen klagen. Klage darf seine Zeit dauern. Klage ist kein Zeichen des Aufgebens, sondern des Festhaltens an Gott.

Der Psalm 13 gibt uns hier einen Ablauf, den wir in unseren Klagegebeten übernehmen dürfen. Wir dürfen Gott unsere Not bringen, unsere Gefühle sagen und ihn auch um den Sinn dieser Probleme fragen. Diesem Klagen und Fragen folgt die Bitte. Bitte um das Eingreifen Gottes. Bitte um eine Veränderung der Situation. Bitte um Rettung.
Die ersten beiden Schritte können Kraft dazu geben, unsere Glaubensreste, die vielleicht wie Scherben verstreut um uns herum liegen, aufzusammeln und an ihnen festzuhalten. Durch sie kann neuer Mut entstehen, an Gott festzuhalten und auf ihn zu vertrauen. Mach Klage neben Lobpreis und Dank zu einem deiner wichtigsten Gebete.

Wir beten,

  • dass wir uns trauen, Klage immer mehr zu unseren Gebeten hinzufügen können. Dass wir uns nicht in unserer Not verstecken und sie überspielen.
  • für Probleme und Nöte in unserem Leben oder uns nahestehenden Menschen. Wir klagen Gott das Leid und sagen ihm ungefiltert, was uns auf dem Herzen liegt.

  • um Gottes Eingreifen, dass er die Probleme in seine Hand nimmt und uns hilft. Wir beten, dass Gott unsere persönlichen Feinde besiegt und uns wieder Freude schenken wird.

  • wir auf Gottes Eingreifen warten und ihm vertrauen wollen. Dass wir daran festhalten wollen, dass er keinen Kampf verloren hat und auch diesen Kampf nicht verlieren wird.

  • dass wir authentisch unser Christsein leben können. Dass wir vor anderen Christen unsere Nöte nicht verstecken und durch unseren Umgang mit Problemen nicht ein falsches Bild von einem Jesus Nachfolger vermitteln. Auch als Gemeinde wollen wir Klage vor Gott bringen und ehrlich vor ihm sein.